Tandem-, Nachwuchsprofessur- oder Qualifizierungsprofessuren an Hochschulen für angewandte Wissenschaften
Hochschulen für angewandte Wissenschaften haben seit Längerem Schwierigkeiten bei der Gewinnung von geeigneten Kandidatinnen und Kandidaten für die Besetzung ihrer Professuren. Eine Ursache dafür ist, dass nur wenige über die geforderte Mehrfachqualifikation von wissenschaftlicher Befähigung und profunder beruflicher Qualifikation außerhalb des Hochschulbereichs verfügen. Die Besetzungsproblematik ist daher komplex, denn HAW müssen ihr professorales Personal von außerhalb der Hochschule „abwerben“. Außerdem konnten die HAW im wissenschaftlichen Karriereabschnitt ihres professoralen Personals keine Bindung aufbauen, da sie bis vor Kurzem kein eigenständiges Promotionsrecht hatten. Eine 2017 erschienene empirische Studie des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW 2017, S. 28) zur Bewerberlage bei Professuren an Fachhochschulen belegte, dass nur 53 Prozent der Stellen nach der ersten Ausschreibung besetzt werden konnten und im Einzelfall bis zu achtmal ausgeschrieben werden mussten. Weitere Gründe liegen u. a. in den ungünstigen Rahmenbedingungen an HAW, zu denen auch der mangelnde Freiraum für Forschung, Wissens- und Technologietransfer gehört, der neben einer Lehrverpflichtung von 18 Semesterwochenstunden – doppelt so hoch wie an Universitäten – verbleibt.
Um die Probleme bei der Besetzung von Professuren an HAW zu begegnen, haben einige Bundesländer (Baden-Württemberg, Bayern, Brandenburg, Hessen, Rheinland-Pfalz, Saarland, Sachsen) ein neues Professurmodell eingeführt. In Niedersachsen und Schleswig-Holstein liegen entsprechende Planungen vor. Das Modell trägt in den Ländern verschiedene Bezeichnungen und ist jeweils unterschiedlich ausgestaltet, zeigt aber durchweg einen Qualifizierungsweg zur Professur an einer Hochschule für angewandte Wissenschaften auf. Die Ausgestaltung orientiert sich an der vom Wissenschaftsrat empfohlenen Tandem-Professur: „Das Modell dient dazu, in Wissenschaft oder Praxis fehlende Qualifikationen in strukturierter Form nachzuholen. […] Promovierte Personen, die eine HAW/FH-Professur anstreben, erhalten die Gelegenheit, die für eine Berufung erforderliche berufspraktische Erfahrung nachzuholen; Personen mit berufspraktischem Hintergrund werden Positionen angebo-ten, mit denen sie auch nach mehreren Berufsjahren noch promovieren können. Das Instrument Tandem-Professur ist ein Pendant zur Juniorprofessur an Universitäten insofern, als es nach einer befristeten Berufung eine gezielte Entwicklung auf eine unbefristete Professur ermöglicht und somit den durch den gesetzlich vorgeschriebenen Sektorenwechsel erfolgten Bruch im akademischen Lebenslauf überbrückt.“ (WR, 2025: Personalstrukturen im deutschen Wissenschaftssystem, Drs. 2639-25, S. 72). Da die berufspraktische Qualifizierung im Rahmen einer Tandem-Professur lediglich in hälftger Teilzeit für wenige Jahre erfolgt, kann damit die wesensbildende Voraussetzung für eine HAW-Professur nur unzureichend erfüllt werden. Das neue Modell kann aber in begrenztem Umfang und in Fällen angewendet werden, wenn über reguläre Berufungsverfahren Professuren nicht besetzt werden können. Abstriche bei der für HAW typischen Einstellungsvoraussetzung hinsichtlich besonderer Leistungen bei der Anwendung oder Entwicklung wissenschaftlicher Erkenntnisse und Methoden in einer mehrjährigen beruflichen Praxis außerhalb des Hochschulbereichs können das anwendungsorientierte Hochschulprofil gefährden.
Eine Synopse der rechtlichen Bestimmungen steht als Download (gelber Button rechts) zur Verfügung. In der mittlere Spalte wird der Text aus dem jeweiligen Landeshochschulgesetz zitiert und in der rechten Spalte die wesentlichen Eckpunkte zusammengefasst.
Stand: 01.08.2026
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